Interview
mit Matthias Ditsch(MD), Chefredakteur und Geschäftsführer von INFINITE TOOLS und Rüdiger Suchsland(RS), Redakteure von digitalMIRROR 
 
 

kat/: wer oder was macht und ist INFINITE TOOLS genau? oder noch?

digitalMIRROR: INFINITE TOOLS ist eine online-Agentur. Für "digitalMIRROR" fungiert sie als Herausgeber, etwa so wie ein Verlag für eine Zeitschrift. Außer "digitalMIRROR" macht INFINITE TOOLS noch vieles andere: u.a. gerade ein webgame, aber auch verschiedene online-guides, und vor allem Firmenpräsentationen im www, die sich dann im einzelnen nach den Wünschen der jeweiligen Auftraggeber richten. 

kat/: Wie ist das doch sehr ambitionierte Projekt oder sollte man sagen das online-Magazin entstanden? Welche Mittel und Ressourcen standen Euch zur Verfügung? 

digitalMIRROR: "digitalMIRROR" war die Idee unseres Herausgebers Matthias Ditsch. Es ging darum, im Rahmen der Firmengründung 1995 ein Projekt in die Wege zu leiten, wo man unabhängig von Auftraggebern neue Möglichkeiten ausloten kann, in denen man den spezifischen Chancen des Internet gerecht wird und auch Dinge macht, die man in anderen Medien gar nicht machen kann. 
"digitalMIRROR" ist auch eine Form, das Medium in der Praxis kennenzulernen. Das Magazin wird besser, so wie wir selbst dazulernen und besser werden. 
Was wir mit "digital MIRROR" wollen, ist im Prinzip, ein online-gemäßes Kulturmagazin zu machen. Wobei Kultur in denkbar weitem Sinn zu verstehen ist, und eben auch Politik miteinschließen kann. Entscheidend ist die Haltung. Also ja kein klassisches Feuilleton, wo alles schön fein säuberlich getrennt ist, nur high-culture gemacht wird, und Politik außen vor bleibt. 
Wenn Du nach "Mitteln und Ressourcen" fragst, muß man beim Finanziellen beginnen. Wie die ganze Firma INFINITE TOOLS wurde das Magazin quasi aus dem Nichts gegründet, und das hat erst einmal Geld gekostet. Selbst unendlich größer angelegte Projekte für Online-Magazine -man denke an Microsoft's "slate"- haben Schwierigkeiten, von Anfang an Geld zu verdienen. Auch uns geht es so, daß digitalMIRROR von der Firma mitgetragen wird. Wir müssen das mit einigem Idealismus und Experimentierfreude wettmachen. Wenn das Ganze keinen Spaß machen würde, könnte man es gar nicht machen. 

kat/: Ein wenig gewinnt man den Eindruck, daß Du als Redakteur sehr viel Arbeit einbringst und auch tolle Informations- und Rezensionsarbeit leistest. Wieviele Personen arbeiten derzeit konkret an dem Projekt? Was würdest Du Dir wünschen an Mitarbeit und Mitarbeitern? Würde sich dadurch - trotz Deiner vielfältig gestreuten Kenntnisse - nicht auch Bandbreite und Info-dichte vergrößern? 

digitalMIRROR: Wir arbeiten hier im Wesentlichen zu dritt, mit Hilfe von diversen freien Mitarbeitern. Die meisten von ihnen sind professionelle Journalisten, oder haben beruflich etwas mit dem Online-Business zu tun. Ihr Engagement ist freilich sehr verschieden, und unregelmäßig, was auch ganz natürlich ist. Und allein die nötige redaktionelle Organisation, das Kontakthalten erfordert in der Tat einigen Aufwand. Natürlich würde ich mir wünschen, daß man noch mehr machen könnte. Klar, die Bandbreite ist beschränkt, und man könnte sowohl hier, wie auch was die Qualität der Texte angeht, vieles verbessern. Wenn ich beginne, darüber nachzudenken, weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll. Das Design ist verbesserungswürdig. Und es geht z.B. auf die Dauer nicht -soviel Spaß das macht- daß ich über die Hälfte der Kinokritiken selber schreibe. Das führt auch zu inhaltlichen Einseitigkeiten, die dann manche Leser langweilen. 
Überhaupt muß digitalMIRROR noch vielfältiger werden. An Ideen fehlt es da nicht. Aber man lernt auch eine gewisse Bescheidenheit: daß sich eben nicht alles auf einmal verwirklichen läßt, daß man sich Stück für Stück, in langsamen Schritten weiterentwickeln muß, und daß alles auch in einem Verhältnis zum Aufwand stehen und bezahlbar sein muß. Man muß sich sehr genau überlegen, was man macht, und auch eine gewisse Arbeitsökonomie praktizieren. Aber da lernt jeder ständig dazu. 
Ich wünsche mir auch mehr Mitarbeit von aktiven Künstlern. Die hätten bei uns alle Chancen, sowohl für eigene Ausstellungen im www als auch beim Gestalten und Inszenieren von Seiten. Aber die meisten sind sehr zurückhaltend, viele haben zwar homepages, aber die sind oft nicht sehr gut. Mein Eindruck ist, daß vielen Künstern dieses Medium doch noch sehr fremd ist.
Was ich mir generell wünschen würde, ist, daß wir einfach ein immer besseres Magazin werden, in jeder Hinsicht. Und daß wir bekannt werden, und zwar zu Recht, die Zugriffszahlen weiter steigen und daß man unsere Qualität und unseren Stil schätzt. Und daß bald die Anzeigenkunden in Scharen unsere Bude einrennen. Was man sich eben so wünscht, wenn man ein Online-Magazin macht. 

kat/: digitalMIRROR beschreibt sich selbst als permanentes online-feature. Wie hoch ist die Frequenz der Erscheinungsweise? Wie wählt Ihr Aktuelles aus? 

digitalMIRROR: Zur Erscheinungsfrequenz: Wir versuchen, so häufig wie möglich neue Artikel ins Netz zu stellen. Das geschieht manchmal mehrmals pro Woche, in der Regel in einem Rythmus von ca. 14 Tagen. Dann erscheinen aber auch auf einen Schlag fünf oder mehr Texte. Wenn einmal sehr viel zu tun ist oder Ferien und Feiertage dazwischenliegen, kann es gelegentlich auch länger dauern. 
Der einzige Sonderfall ist die Literaturrubrik "zeilen/sprung", die immer als ganzes mit 10 oder mehr Artikeln upgedated wird, weil wir da versuchen, uns immer auf ein, zwei Schwerpunkte zu konzentrieren und zusätzlich ein paar aktuelle Bücher zu rezensieren. Daher hat diese Rubrik auch feste Nummern wie das Erscheinungsdatum bei einer Zeitschrift. "zeilen/sprung" erscheint ca. alle drei Monate. Die Auswahl der Themen ist sehr subjektiv, durch Interessen und Vorlieben der Macher bestimmt. Wir versuchen auch auf Anfragen und Wünsche unserer Leser einzugehen. Und dann bestimmt natürlich die Aktualität die Themen. Wir versuchen, im Filmbereich auf möglichst alle wichtigen Filme einzugehen, außerdem auf Festivals oder besondere Ereignisse. Ähnlich auch bei Literatur. Im Bereich Kunst würden wir das auch gerne, aber dazu benötigten wir einen riesigen Mitarbeiterstab, in allen größeren Städten einen Vertreter. Das ist zur Zeit illusorisch. Aber es kann ja noch kommen. 

kat/: digitalMIRROR beherbergt ja mehrere Zeitschriften und Magazine. Wie enstand(en) die Idee bzw. die Kontakte dazu und sind weitere Einbindungen dieser Art geplant? 

digitalMIRROR: Dass wir mehrere Zeitschriften und Magazine beherbergen , ist ein Mißverständnis. Wir sind ein einziges Magazin, das aber eine sehr offene Struktur hat. Und die einzelnen Rubriken besitzen eine große Eigenständigkeit, bereiten ihre Themen unterschiedlich auf und werden in verschieden hohen Frequenzen upgedated. Zum Teil ist das aber auch nur eine Schwäche von uns, aus der Du dankenswerterweise eine Tugend machst.
Die erwähnte offene Struktur ist vielleicht der entscheidende Wesenszug unseres Magazins, in dem wir uns ganz grundsätzlich von vielen anderen unterscheiden, auch unterscheiden wollen. Denn wir verbinden niveauvolle Berichterstattung mit dem Prinzip eines webguides, also mit so vielen Links, wie es nur möglich ist. Die Leser sollen sich selbst ein Bild machen und weitersurfen können. Wir haben -im Gegensatz offenbar zu vielen anderen, die das nicht tun- keine Angst davor, daß uns die Leser dann zu schnell wieder abwandern könnten. Denn sie werden bestimmt zurückkommen,wenn sie das Gefühl haben, von uns interessante Links zu bekommen. 

kat/: Das Magazin für Politische Ästhetik und Urbanität "Cosmopolis" hat, für meine Begriffe, noch wenig im Angebot, was bei der Bandbreite anderer Informationsquellen von digitalMirror doch auffällt? 

digitalMIRROR: Bei Cosmopolis handelt es sich um unsere jüngste Rubrik. Sie ist erst zweieinhalb Monate alt und befindet sich noch im Aufbau. Wir wollen hier auch -wie etwa mit Vilém Flusser und ganz besonders mit dem Thema Pop-Kultur- bestimmte Themen in mehreren Artikeln behandeln und kontinuierlich weiterverfolgen. So etwas kann sich aber nur langsam aufbauen. Wie sich Cosmopolis genau entwickelt, wird man sehen, das hängt auch vom Feedback der Leser ab. Es ist ja gerade der Vorteil dieses Mediums, viel schneller und unmittelbarer reagieren zu können und auch selbst Korrekturen vorzunehmen. 

kat/: Besonders informativ und interessant fand ich die Themenschwerpunkte etwa im Bereich Film(besprechungen). Habt Ihr da noch mehr "auf Lager"? Ich finde, daß auch in der Bündelung von Informationen bzw. in der Schwerpunktbildung Eure Stärke liegen könnte. 

digitalMIRROR: Ja, Filmberichterstattung ist sicher derzeit eine unserer Stärken. Wir würden da in Zukunft gerne auch noch mehr Schwerpunkte setzen, zum Beispiel über eher Unbekanntes,Trashiges und mehr Subkulturelles berichten und neben den aktuellen Filmkritiken auch Hintergrundberichte anbieten. Aber das ist mit unseren vergleichsweise geringen Kapazitäten eben nicht von heute auf morgen zu realisieren. Und es bringt nichts, etwas einmal grossmäulig zu etablieren und dann nicht fortzusetzen. Wir wollen aber auch vermeiden, daß so etwas auf Kosten der breiten aktuellen Berichterstattung geht, die zur Zeit sehr gut funktioniert und auch einen wichtigen Service für die Leser bietet. Wie gesagt: an zusätzlichen Ideen mangelt es aber nicht. 

kat/: Das Archiv, in das dann folgerichtig alle Aktualität wandert, bietet noch keine richtige thematische Suchfunktion. Aber, wie bereits von Euch rückgemeldet, wird daran gearbeitet, diese Struktur zu entwerfen? 

digitalMIRROR: Ja, wir waren mit der bisherigen Lösung auch nicht zufrieden. Gerade sind wir dabei, eine Datenbank mit Volltextrecherche einzurichten. Dann wird man die Artikel sowohl nach Themen, wie nach Titeln und nach bestimmten Suchbegriffen aufschlüsseln koennen. 

kat/: Ich finde, daß Ihr eine wirkliche Konkurrenz zu den Printmedien aufmacht und auch eine zitierwürdige Größe erreicht habt <s>. Wie sehen die Reaktionen der SurferInnen aus? Wie die der herkömmlichen Printmedien? 

digitalMIRROR: Nun, einzelne Zeitungen und Magazine reagieren schon mit Hinweisen, kurzen Berichten über Rubriken. Oder in der "Süddeutschen Zeitung" wurde eigens auf einen Artikel von uns hingewiesen mit Adressenangabe. Und bei der Deutschen Welle im Radio gab es auch einen Bericht. Aber das könnte noch viel besser werden. Und ob "zitierwürdig" oder nicht, als gleichberechtigte Gesprächspartner nimmt man Online-Magazine bisher wohl nicht richtig ernst. Dafür müssen sich neue Gewohnheiten erst ausprägen. Viele können sich auch unter "online-Magazin" nicht so richtig etwas vorstellen. Und weil ich auch für Zeitungen arbeite, weiß ich, daß da manche bis jetzt nicht sehr innovativ denken. Die haben ja auch 10 Jahre gebraucht, um im Printbereich die taz als newcomer richtig ernst zu nehmen. 

kat/: Was sind Eure konkreten Pläne und auch noch nicht realisierbare "Visionen" für digitalMIRROR? Was sind Deine ganz persönlich abgesteckten und ausgelegten Hoffnungen und Wünsche an das Projekt? 

digitalMIRROR:

MD: 
Ich wünsche mir, daß wir eine relevante Größe erreichen und halten, daß wir in der deutschen Medienlandschaft breit registriert und ernstgenommen werden. 
In finanzieller Hinsicht würde ich mir wünschen, daß potentielle Investoren aus der Verlagswelt und dem Wirtschaftsleben etwas mehr Mut zeigen und langfristiger denken.
Mittelfristig wollen wir auch versuchen, 3-D-Elemente in digitalMIRROR zu integrieren. Aber zur Zeit geht das vor allem deshalb noch nicht, weil die meisten Rechner der user dafür gar keine Kapizitäten haben. Und wenn die eine halbe Stunde oder länger brauchen, um dM zu laden, dann springen sie ab. Da würden wir uns selbst ins eigene Fleisch schneiden. 
RS:
Ja, ich hoffe auch darauf, daß unsere finanzielle Basis noch stabiler wird. Denn dann fällt es viel leichter, Qualitätsansprüche in Form und Inhalt auch umzusetzen. 
Inhaltlich wünsche ich mir (vom bereits oben erwähnten abgesehen): 1. ja, daß wir insgesamt immer besser werden, und 2. zumindest in einzelnen Feldern auch breite Wirkung entfalten. Das wir so gut sind, daß man an uns nicht vorbeikommt. 3. würde es mir viel Spaß und Freude machen, wenn wir recht bald auch regelmäßig etwas über Fussball in digitalMIRROR hätten, und das natürlich besser, als andere.

Meine persönliche Vision ist, daß wir irgendwann ganz von den Strukturen des traditionellen Feuilletons wegkommen. Das schätze ich zwar, es ist wichtig und hat seinen Wert. Ausstellungs- und Filmkritiken wird es auch immer geben. Aber im Grunde sind die alten Grenzen überholt, taugen nichts mehr. Alles ist heute Kultur und Politik zugleich. Und dies muß sich auch in veränderten Strukturen zeigen. Das wollen wir mit der Zeit realisieren. Damit meine ich aber keinesfalls irgendeine Beliebigkeit, kein Wischiwaschi. Sondern eine neue Herangehensweise, eine neue Erlebnisweise. Die wird kommen, ist zum Teil längst da, muß aber noch in vielem ihre Sprache finden, was bisher nicht der Fall ist. Da wird zuviel gestammelt, ausprobiert, auch bei uns, und das ist auch ganz notwendig so. Und diese neue Sprache wollen wir mit der Zeit auch in digitalMIRROR mitentwickeln und zum Ausdruck bringen. Wäre schön, wenn's klappt. :-)

digitalMIRROR 

________surfboard