Interview
mit Stefan R. Müller von PhilNet


Huschiar: Wer macht Philnet? Wie begann alles und was war Eure Motivation?


Stefan: Es war einmal im November 1995: Ein Blick in das Angebot der Universität verlockte zum Surfen in den Seiten des eigenen Fachbereiches und in denen des eigenen Insitutes. Problem, da stand nur : "Hier können Sie sich beteiligen, wenden Sie sich an ...". So ging ich voll Beteiligungsfreudigkeit zu den diversen Stellen, und niemand war erst einmal zuständig.

Es gab keine Gruppe, die das Philosophische Seminar im Internet präsentierte. Um sich zu beteiligen, mußte erst einmal eine Gruppe her. Ich suchte die Leute zusammen, die sich ebenfalls über die leeren Seiten des Seminars wunderten. Und so gab es einen Georg Sommer und einen Jan Boddin, was dann die Internet-AG am Philosophischen Seminar der Universität ergab. Das war schon komisch, weil wir uns normalerweise nie an einen Tisch gesetzt hätten. Nach einer Weile nannten wir uns PhilNet, weil wir neben den Seiten des Institutes eben auch Verbindungen zu anderen Philosophie-Seiten einbauten. Wir beauftragten Birgit Bachmann mit der Zeichnung eines Logos, indem wir ihr ein paar Krickeleien in die Hand drückten. Von da an gab es dann PhilNet.

Huschiar: PhilNet ist also eine reine Privatinitiative?

Stefan: Das kann man wohl so nicht sagen. Wir sind schon eine legitime Arbeitsgruppe und haben damit angefangen, die Seiten des Philosophischen Seminars, also offizielle Geschichten wie das Kommentierte Vorlesungs-Verzeichnis ins Netz zu bringen. Ich nehme an, wir haben ein wenig freie Hand, solange wir keinen Unsinn treiben. Wir sind also gegenüber dem Philosophischen Seminar verantwortlich. Außerdem versuchen wir, die Studierenden an dieses Medium heranzuführen.

Huschiar: Habt Ihr eine Zielgruppe oder spricht Philnet hauptsächlich eine bestimmte Gruppe an?

Stefan: Heute muss ich gestehen, dass ich das gar nicht weiß. Als wir anfingen, wollten wir alles ansprechen, was auf dem Capus herum kreucht und fleucht. Dann waren es die Philosophie-Interessierten, die nicht unbedingt ihre Dienstzeit in Seminaren abgesessen haben, und nun ist es uns völlig egal, wer sich angesprochen fühlt.

Was die Mitmach-Ebene betrifft, verläuft die Entwicklung ähnlich, wobei uns hier nicht völlig egal ist, wer mitmacht. Schließlich wollen wir ja zusammenarbeiten, was nicht jedermanns Sache ist.

Huschiar: Was sind die Inhalte, die von PhilNet transportiert werden?

Stefan: Tja, nun muss ich ja natürlich sagen, daß keine Inhalte von uns transportiert werden. Aber sicher erwartet man das, wenn von Philosophie die Rede ist. Sagen wir es doch so, wir erstellen Web-Seiten, so wie jeder CompuServe-User auch seine HomePages aneinanderheftet. Dort bringen wir LinkSammlungen für Philosophie, Werkzeuge für die OnLine-Recherche, ein paar eigene Texte, ein paar Kommentare, Ausarbeitungen zu einigen philosophischen Themen zB Argumentationtheorie und von mir hoffentlich bald mal was von der antiken Logik mit schicken Bildern als netten Kontrast usw.

Huschiar: Sind alle Bereiche der Philosophie aus dem akademischen Bereich vertreten?

Stefan: Wohl kaum.

Huschiar: Und warum nicht?

Stefan: Das wäre zuviel Arbeit für uns. Außerdem haben wir auch nicht von allem Ahnung. Wir 3 beispielsweise sind mehr an Sprachphilosophie interessiert, und das sind dann schon teilweise Welten, die sich da trennen wollen. Es fehlen Moralphilosophie, Ethik, Erkenntnistheorie, Semiotik, Handlungstheorie, Wissenschaftstheorie ... eigentlich fehlt so ziemlich alles.

Huschiar: Soll damit vor allem studentischen Kreisen Information geboten werden oder warum folgt die klassische Aufteilung dahingehend?

Stefan: Du meinst jetzt unser Verzeichnis, das die klassische Aufteilungen aufweist. Da sollten erstmal Studierende, ob eingeschrieben oder nicht (bei uns kann man ja auch anschreiben lassen), eine Art Surfbrett unter die Füsse bekommen, um notwendiges Material zu erreichen. Aber ich denke, du willst auch nachfragen, ob wir so einen neumodischen Schnickschnack wie Lebensphilosophie, Betriebsphilosophie und Esoterik fuer Esoteriker absichtlich aus unserem Angebot ausschneiden wollen. Mit sowas tun wir uns auch schwer, weil unserer Meinung nach hier völlig falsche Erwartungen an die Philosophie gestellt werden, was wir nicht unterstützen muessen. Andere Geschichten wie Medienphilosophie geraten bei uns aus den schon genannten Gruenden wie Arbeitsaufwand in den Hintergrund. PhilNet unterliegt also dem Faulheitskriterium.

Huschiar: Wie werden diese Inhalte ("Themen?") aufbereitet (diese werden sowohl im Textformat als auch Frame-version dargeboten). Wie stehen sie zum neuen Medium? soll das auch (philosophisch) mitreflektiert werden?

Stefan: Mitreflektieren wird wohl nicht reichen. Ich denke, kaum ein anderes Gebiet hat wie die Philosophie in diesem Medium so viel Möglichkeiten. Mir ist zwar bekannt, daß einige Philosophen sich mit dem Konsum von Hypertexten befassen, wieder andere fragen nach dem Sinn und dem philosophischen Profit des Internets, und einige bauen das Internet mit auf. Wir haben uns erst einmal zu den Letzteren hingestellt, obwohl Meckern, selbst im analytischen oder hermeneutischen Rahmen, sicher einfacher ist, als Fehlendes zu implementieren. Uns fehlt einfach noch viel zu viel, um sich nach hinten lehnen zu können und lauthals zu reflektieren. So gibt es nun Bemühungen, den Suchraum der philosophisch-relevanten Ressourcen einzugrenzen. Ein Weg waren die Verzeichnisse, ein weiterer wird die Entwicklung spezieller Suchsysteme sein.

Und diesen Weg gehen wir mit, indem wir unsere ARIADNE als erste Suchmaschine für Philosophie-Seiten im Internet installiert haben.

Huschiar: Wie steht PhilNet zum neuen Medium & zur Medienphilosophie?

Stefan: Der olle Heidegger wuerde jetzt wohl sagen, dass wir wie Handwerker dem neuen Medium gegenüberstehen. Zur Medienphilosophie habe ich ein zwiespältiges Verhältnis, es klingt für mich immer wie Betriebsphilosophie. Wenn man eine braucht, kann man sich eine machen. Wir brauchen keine.

Huschiar: Wird es in Zukunft auch mehr eigene Angebote in PhilNet geben? Welche Pläne habt Ihr, oder ist schon eine Entwicklung in Gange?

Stefan: Natürlich, solange der Vorrat reicht und wir nicht verhungern, werden wir wohl an PhilNet weiterbasteln. Es sind noch 2000 Jahre Philosophie einzutippen. Aber wir werden uns dem nicht allein stellen und verbinden uns mit anderen Philosophie-Diensten.
Eines dieser Bündnisse ist der deutsche Philosophie-Knoten. In diesem Rahmen erstellten wir unsere Suchmaschine und arbeiten an einem offenen Text-Archiv. Geplant sind auch noch weitere Softwareentwicklungen, die dann unter Windows laufen.

Huschiar: Wie soll das Netz weiter ausgebaut werden?

Stefan: Es muss noch viel passieren, bevor das internet richtig sinnig wird. Die Philosophie wird zwar überall wie ein Fähnchen vorangetragen, aber tatsächlich gibt es z.B. in Deutschland noch kein richtiges Philosphie-Netz.

Die meisten Philosophie-Dienste werden in Deutschland von Studenten erstellt, und geniessen so gut wie keine Förderung. Hier ist mal ein wenig Denken nötig. Es wird beklagt, daß das Internet zunehmend wie Karstadt aussieht, aber es wird auch nicht viel unternommen, hier etwas Qualität hineinzuzaubern. Dabei leben die kommerziellen Geschichten von den akademischen. Ihr Angebot im Internet allein würde sich wohl niemand ansehen. Es kauft sich auch niemand einen Fernseher, nur um Werbeblöcke zu sehen. Das Internet kommt nur deshalb so schön in den Wohnstuben an, weil es ja so viele akademische Seiten gibt.

Leider gehören die Philosophen zu den Stiefkindern, wenn es um Sponsoring geht. Daß die Universitäten und die Regierung kein Geld haben - wer es glaubt, wird selig - ist nun mal tragisch. Das Internet bietet die Möglichkeit, die akademischen Angebote auch in die Wohnstuben zu tragen. Gerade die Philosophie hat einen solchen Weg nötig.

Philosophie mag für Viele zu hoch abgehoben sein, aber wer einmal einen Beruf erlernt hat, oder auch nur ein Kartenspiel, weiß, daß der Mensch nichts auf Anhieb versteht. Wir sind alle dumm geboren, aber nirgendwo steht geschrieben, daß man auch dumm sterben muß. Wer sich Zeit lässt, und mal versucht zu verstehen, ohne selbst nur bestimmen zu wollen, wird mit Philosophie schon viel anfangen können. Diese Möglichkeit ist bisher nur durch Bücher gegeben, die teilweise einfach zu teuer sind. Über das Internet kostet ein anständiges Philosophiebuch so viel wie ein JPG-Bild mit dem Gesicht irgendeines Dussels drauf. Hier liegt also eine Chance, die aber offensichtlich nicht marktwirtschaftlich oder politisch interessant ist. Da enttäuscht mich auch ein wenig das Bundesministerium für Bildung und Forschung. An den Genen rumfummeln ist eben förderativer als ein Rumfummeln im Geist.

Huschiar: Soll mehr auf Informationsaustausch gebaut werden?

Stefan: Ob ich das nun auf der platten Ebene eines TCP/IP-Protokolls sehe, oder im Bereich des World Wide Web: Informationen sind das alles, fragt sich nur, wer mit was etwas anfangen kann. Die Informationen inklusive der Werbung sollten schon in ihrer vielfältigen Form ausgebaut werden. Bei der Werbung und den Hallo-HomePages weiß ich nicht, ob sich das lange halten wird. Die Werbung muß noch direkt abgefragt werden, Bilder kann man ausschalten. Seiten mit viel Werbung verlieren an HITs, also Einschaltquoten. Das Geschäft verliert an Attraktivität. So muß auch eine Klopapierfirma etwas bieten, was die Leute anlockt, und Klopapier wird es wohl nicht sein. Die Hallo-HomePages nerven die Ersteller mit der Zeit selbst. Originalität wird zum Maßstab der HTML-Programmierung. So fangen eben viele an, ihr Interessengebiet auf der HomePage auszubauen, und ehe sie sich versehen, gehören sie zu den Top 5 Prozent.

Ich selbst liebe es, in gemütliche Seiten zu fahren, die mir irgendetwas zeigen oder erklären, was ich noch nicht kannte. Und davon gibt es offensichtlich mehr als ich besuchen kann. Ich habe auch schon meine kleine Liste an inoffiziellen Lieblings-HomePages, und keine davon hat was mit akademischer Philosophie zu tun. Einige davon finde ich sogar besser, als das was ich mache. Sonst hätte ich ja gar nichts von alledem. Da surfe ich voller Neugier gerne mal hinein, und sehe nach, ob sich irgendwas verändert hat.

Huschiar: Wird es ein studentisches Netzwerk geben?

Stefan: Ich hoffe nicht. Aber es gibt Tendenzen. Studenten, es heißt heute "Studierende", sind auch Menschen, nicht mehr und auch nicht weniger. Warum soll es nicht einen Host geben, der die Seite eines Biologie-Studenten über die Bedienung eines UNIX-Rechners spiegelt, und der ein CyberCafe pflegt, in dem sich alte Leute über Literatur streiten, die von Sekretärinnen geschrieben wurde. Laß doch das Durcheinander. Die Zeit ist reif, in Menschen mehr als nur das zu sehen, was man sehen will. Ein Umberto Eco kann die Opera Mediale aufbauen, aber er kann auch seine Bemühungen über seine Versuche, Nackt-Bilder aus dem Netz zu ziehen, beschreiben. Selektionen sind dem Surfenden überlassen. Soll er für sich entscheiden, was Blödsinn ist und was nicht. Es ist sein Leben und soll auch sein Problem sein.

Wir denken gar nicht daran, ein Philosophie-Studenten-Netz zu installieren. Wir unterhalten uns mit Professoren, mit Forschern, mit Komerziellen, mit Hausfrauen und auch mit Studenten. In PhilNet haben wir die Möglichkeit, Grenzen aufzuheben, warum sollten wir wieder welche und ausgerechnet solche einführen.

Huschiar: Ihr betreibt auch eine Mailingliste: Welche Themen werden dort behandelt, bzw. welche Ziele werden verfolgt?

Stefan: Ja, PhilWeb, in dieser Liste sollen sich die Betreiber der Philosophie-Dienste im Internet herumstreiten können. Es geht da oft um das Copyright und andere ähnliche Fragen. Allerdings ist die Teilnehmerzahl nicht auf eine handvoll Akademiker beschränkt, so daß eben ein Austausch mit Professoren, Doktoren, Studenten und auch mit Leuten, die schon lange nicht mehr oder überhaupt nicht in der Uni waren, möglich sein soll. Schwierige Konstellation. Sicher schneit hin und wieder jemand rein, um sich zu profilieren, aber das ist wohl in jeder Liste oder Forum so. Der Nachteil an einer Kommunikationsgesellschaft ist eben der, daß jeder mitreden darf.

Huschiar: Vielen Dank für das Interview, Stefan. Ich wünsche Dir und dem PhilNet-Team weiterhin viel Erfolg.

Stefan: Danke, gleichfalls.


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